Aus dem Berufsleben – was mich bewegt
Neulich las ich zufällig eine Pressemitteilung. Es war eine Stellungnahme aus Sicht der Wasserversorger zu den Plänen der EU, die Zulassung von Pestiziden zu vereinfachen.1 Konkret sollen bestimmte Pestizide unbegrenzt zugelassen werden. Bisher gab es eine Neubewertung von bereits zugelassenen Pestiziden. Wenn diese Neubewertung nicht mehr durchgeführt wird, können neue Erkenntnisse zum Verhalten der Pestizide in der Umwelt und zu ihrer Toxizität nach der Zulassung nicht länger berücksichtigt werden. Diese Vereinfachung im Pestizidrecht soll dem Bürokratieabbau dienen und den Pestizidherstellern ermöglichen, wirtschaftlicher zu arbeiten. Für den Gewässerschutz ist das schlecht.
„Pestizide (lateinisch: pestis = Seuche, caedo = töten) sind eine Sammelbezeichnung für chemische oder biologische Stoffe, die Organismen (Tiere, Pilze, Pflanzen, Mikroorganismen) abtöten oder in ihrer Schadwirkung hemmen sollen. […] Pestizide umfassen die Stoffgruppen Pflanzenschutzmittel, Biozide und auch manche Arzneimittelgruppen.“ – Umweltbundesamt
Meine erste Reaktion auf diese Pressemitteilung war: Das kann doch nicht euer Ernst sein?! Nachdem so viele Jahrzehnte die Pestizidgesetzgebung immer verfeinert und damit ein hoher Standard geschaffen wurde, sollen jetzt wieder Schritte rückwärts gegangen werden? Bürokratieabbau, ja, bitte. Aber doch nicht bei den Pestiziden. Das ist einer der Bereiche in der die Gesetzgebung nicht lockerer, sondern eher strenger werden sollte.2
Selbst mit dem gegenwärtigem hohem Standard machen die Pesitzidrückstände in den Umweltmedien Probleme. Zum Beispiel im Wasser.3 Deutschlandweit werden Rückstände von Pestiziden und deren Abbauprodukten im Wasser gefunden. Vor allem die Abbauprodukte rücken mehr und mehr in den Fokus. Sie können sogar in höheren Konzentrationen vorkommen, als das ursprüngliche Pestizid. Ein Risiko der Abbauprodukte wird selbst mit dem derzeitigen hohen Standard beim Zulassungsverfahren nicht berücksichtigt. Manche sprechen hier von einem „blinden Fleck“ bei der Zulassung, bzw. von „systemischen Lücken“. Das bezieht sich darauf, dass mit neuen Erkenntnissen manche Abbauprodukte – salopp gesagt – von harmlos zu bedenklich werden können, wodurch plötzlich strengere Grenzwerte gelten. Da bleibt oft nur die Wasserressource, z.B. die kontaminierte Quelle aufzugeben, oder teuere Aufbereitungsverfahren zu installieren, damit die Rückstände entfernt – oder wenigsten reduziert – werden.4 Diese teuere Aufbereitung zahlt die Allgemeinheit, nicht die Pestizidhersteller.5
Und jetzt melden sich die Kritiker zu Wort: ABER. Was ist mit der Ernährungssicherheit? Wir brauchen die Pestizide um stabile Erträge in der Landwirtschaft zu generieren und um die Weltbevölkerung zu ernähren.
Mag sein. Nur gibt es auch andere Ansätze gegen Schädlinge vorzugehen: Andere Fruchtfolgen, mechanische Unkrautbekämpfung und Verwendung anderer Sorten, die besser an die jeweiligen Standortbedingungen angepasst sind. Nur sind viele dieser Techniken aufwendiger und teurer. Aber es gibt viele Beispiele, in denen sie funktionieren. Und sie haben nicht die Nachteile der Pestizide. Sie verringern nicht die Vielfalt der Arten und setzen wichtige Funktionen von Ökosystemen, wie z.B. die natürliche Bestäubung durch Insekten, nicht herab. Sie haben nicht die gesundheitlichen Risiken, die durch die Anwendung der Pestizide entstehen. Und Sie verlieren ihre Wirksamkeit nicht, weil sich bei den Schädlingen Resistenzen ausbilden.
Eine Studie kommt zu dem Schluss, dass die Abkehr der Pestizidnutzung eine lohnende Investition in die Zukunft sein könnte, die vor allem für die Umwelt und die Gesundheit positive Auswirkungen bringen würde, während gleichzeitig die Ernährung der Bevölkerung gesichert bliebe. Allerdings würden sich die positiven Effekte erst in einer sehr langfristigen Perspektive sichtbar machen und man müsse sich darauf einstellen, dass der Umbau der Landwirtschaft mit hohen Kosten verbunden wäre.6

Im Studium hört man oft, dass man eine klare Aussage treffen, die richtigen Antworten liefern und keine Fragen offen lassen soll. Doch oft gibt es im Umweltbereich keine eindeutige Antwort. Dreht man im besten Wissen an einer Stellschraube kann es sein, dass an anderer Stelle ganz andere negative Wechselwirkungen entstehen, die man nicht berücksichtigt hat. Unsere Welt ist zu komplex, als dass man jede Reaktion auf einen Eingriff vorhersagen kann. Deswegen endet dieser Beitrag mit Fragen, die teilweise offen bleiben (müssen).
Können wir den Einsatz von Pestiziden reduzieren? – Davon gehen viele aus. Für die Natur wäre es sehr wichtig.
Können wir in manchen Gebieten, wie zum Beispiel Wasserschutzgebieten, komplett auf sie verzichten? – Ja, nach Meinung einiger Wasserversorger ist das die beste Möglichkeit um Wasserschutz zu betreiben. Zu nennen wären hier Beispiele wie das Wassergut Canitz der Wasserwerke Leipzig oder die Stadtwerke München mit ökologischem Landbau im Mangfalltal.
Und dann die Frage aller Fragen: Wie durchbrechen wir den sich wiederholenden Kreislauf von Pestizidzulassung, Einstellung von Resistenzen, gegebenenfalls Aufdecken von toxischen Eigenschaften bis hin zum Verbot des betreffenden Pestizids? Jedes Mal beginnt danach die Entwicklung einer neuen Generation von Pestiziden und der Kreislauf beginnt wieder von vorn. Sisyphus lässt grüßen. Diese Frage ist zu groß, um sie in einem kleinen Blog-Beitrag zu beantworten. Trotzdem ist es wichtig darüber nachzudenken. Vielleicht reicht es manchmal sogar aus, sich mit den Fragen zu beschäftigen, ohne eine Antwort zu haben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.– Rainer Maria Rilke
Und damit schließt sich der Kreis zum Titel dieses Beitrags: „Was mich bewegt“. Das Zitat stammt aus dem gleichnamigen Gedicht von Rilke. Auch Teil dieses Gedichts ist die Aussage, Geduld zu haben mit dem Ungelösten. Im Bereich der Pestizide ist definitiv noch vieles ungelöst. Die Zukunft wird zeigen, ob wir die Antworten finden, die es uns ermöglichen, eine ausreichende Menge an Lebensmitteln mit einer hohen Qualität zu produzieren und gleichzeitig die Natur und unsere Wasserressourcen zu schützen.

- https://www.dvgw.de/der-dvgw/aktuelles/presse/presseinformationen/dvgw-presseinformation-vom-15122025-pflanzenschutzmittel ↩︎
- Die Begründung folgt sogleich. ↩︎
- Das Lieblingsthema der Verfasserin 🙂 ↩︎
- Nicht relevante Metabolite von Pflanzenschutzmitteln, Haakh, Dez 2025 in der Fachzeitschrift gwf Wasser und https://www.umweltbundesamt.de/themen/pestizidzulassungen-gefaehrden-unser-grund ↩︎
- https://www.dvgw.de/themen/wasser/wasser-impuls/minimierung-der-eintraege-ins-wasser ↩︎
- https://www.nature.com/articles/s41467-025-66982-4 ↩︎


