Erzählungen,  Wasser

Tiefbrunnen Wasserreich und sein Einzugsgebiet

Hallo und herzlich willkommen zurück. Mein Name ist Tiefbrunnen Wasserreich und ich erzähle dir heute von meinem Einzugsgebiet.
Alles was sich innerhalb meines Einzugsgebiets befindet, kann einen Einfluss auf mein Wasser haben. Das können ganz viele verschiedene Dinge sein. Am leichtesten kann ich dir das erklären, wenn du dir vorstellst, direkt bei mir zu stehen und die Umgebung wahrzunehmen.
Unter deinen Füßen befindet sich Gras, im Frühling frisch und grün, im Herbst manchmal braun und matschig. Dann lässt du deinen Blick schweifen. Du siehst einen kleinen Wald und wenn du ganz aufmerksam bist, hörst du dahinter das leise Rauschen eines Baches und noch ein Stückchen weiter weg, die Autos auf einer mäßig befahrenen Straße. 

Eine Straße im Wald

Wenn du ein paar Schritte an mir vorbei die kleine Anhöhe hinaufgehst, siehst du viele landwirtschaftliche Flächen. Wie ich schon in meiner vorigen Erzählung erwähnt habe, gefällt es mir dort wo ich in der Erde verankert bin, ausgesprochen gut. Nur bin ich an diesem Ort den unschönen Stoffen, die in meiner Umgebung vorkommen, hilflos ausgeliefert. Ich kann nicht fort gehen und auch keine Mauer aufbauen, um mich zu schützen. Mein Wasser ist Teil des Wasserkreislaufs und im ständigen Austausch mit der Umwelt. Ich darf mich aber gar nicht beschweren, mir geht es im Vergleich zu vielen meiner Kollegen noch ziemlich gut. Ein Wald ist meistens gut für das Wasser im Untergrund. Es gibt nur ein paar Ereignisse, die mir Probleme machen könnten, zum Beispiel Waldbrände oder Kahlschläge. Dabei werden mehr Nährstoffe und Trübung in mein Wasser eingetragen. 

Ein Blätterdach im Sonnenschein

Die Wiesen um mich herum werden nur ab und zu mal gedüngt, wodurch die Nitratgehalte in meinem Wasser im Rahmen liegen, auch wenn sie trotzdem erhöht sind. Etwas weniger wäre mir schon recht. Von der Straße können auch ein paar Gefährdungen für mein Wasser entstehen. So Dinge wie Bremsabrieb, Diesel, Benzin und Öl bereiten mir Unbehagen. Im Winter wenn viel Salz gestreut wird, kann sich mein Salzgehalt etwas erhöhen. Ein kleines bisschen höhere Salzkonzentrationen sind aber kein Problem. Mein größtes Problem sind die Reste von den Pflanzenschutzmitteln, die die Bauern in meiner Umgebung verwenden – oder in der Vergangenheit verwendet haben. Dazu gehören zum Beispiel Chloridazon-Abbauprodukte und DMS. Chloridazon wirkt gegen Unkräuter, DMS ist ein Abbauprodukt eines Pflanzenschutzmittels, das gegen Pilze wirkt.

Nahaufnahme einer landwirtschaftlichen Fläche

Aber wie gesagt, es geht noch. Anderen meiner Brunnen-Kollegen geht es viel schlechter. Vor allem die, die nahe an stark befahrenen Straßen leben. Sie müssen immer Zittern wenn ein Gefahrguttransport vorbeifährt und hoffen, dass es nicht zu einem Unfall kommt, bei der die gefährliche Ladung austritt. In der Hinsicht kann ich eher entspannt sein. Und ich habe keine Altlasten in meiner Nähe, die Reste alter Chemikalien enthalten, die nach und nach in mein Wasser sickern. Außerdem gibt es keine Industriebetriebe in meiner Nähe, mit deren Abwässern – je nachdem was produziert wird – Spurenstoffe in den Wasserkreislauf eingetragen werden können.

Ein Ablauf einer Kläranlage

Wissenschaftlich gesprochen, habe ich gerade verschiedene Sektoren beschrieben, in die ein Einzugsgebiet eingeteilt werden kann. Je nach Definition sind die häufigsten verwendeten Sektoren: Wald und Forstwirtschaft, Siedlung und Verkehr, Abwasserbeseitigung und Abwasseranlagen, Abfall und Altlasten, Landwirtschaft und Gartenbau, Industrie und Gewerbe und zu guter Letzt Gewässer. Diese Sektoren werden dann weiter in viele Kategorien unterteilt. Damit du dir vorstellen kannst, was damit gemeint ist, hier ein Beispiel zum Sektor Gewässer: Zugehörige Kategorien sind unter anderem Fließgewässer oder stehende Gewässer.

Ein Fließgewässer im Wald

Seit einiger Zeit schauen wir – die Menschen, die mich betreiben und ich – systematisch an, welche Sektoren in meinem Einzugsgebiet vorkommen und welche Gefährdungen es geben kann. Mit Gefährdungen sind in diesem Fall Stoffe im Wasser gemeint. Also chemische Verbindungen oder Mikrobiologie. Die Idee dahinter ist es, Gefährdungen für das Wasser aufzudecken und dann mit den Behörden zusammen zu arbeiten, um diese Gefährdungen zu verhindern oder zumindest deren Risiken zu reduzieren. Das muss überall in Europa gemacht werden.
Viele meiner Brunnen-Kollegen hoffen darauf, dass sich dadurch etwas verändert und wir den unerwünschten Stoffen im Wasser nicht mehr so ausgesetzt sind. Ich bin da noch skeptisch. Schließlich habe ich schon einige Jahrzehnte Berufserfahrung und die Mühlen in meinem Arbeitsgebiet drehen sich manchmal sehr sehr langsam. Ich lasse mich jedoch gerne eines besseren Belehren, wenn meine Brunnen-Kollegen recht behalten. Ich halte euch in den nächsten Jahren auf dem Laufenden. 

Bis zum nächsten Mal. 
Dein 
Tiefbrunnen Wasserreich