Bild eines Sees
Erzählungen,  Wasser

Die Farben des Wassers – Grün

Im Märchendorf nahe den Märchenwäldern war es Frühling geworden. Die warme Sonne hatte die letzten Ausläufer des Winters vertrieben. Die ersten zartgrünen kleinen Blätter bildeten sich an den kahlen Ästen der Bäume und Sträucher und auch die ersten Blumen begannen zu blühen. Das Märchen-Mädchen freute sich. Zwar mochte sie auch den Winter, aber jetzt konnte sie wieder nach Herzenslust draußen umherstreifen, ohne dass ihr kalt wurde oder ihre Eltern sie nach Hause riefen, weil die Dämmerung hereinbrach.

Für diesen Frühling hatte sich das Märchen-Mädchen etwas besonderes vorgenommen. Sie wollte jeden Tag einmal zum Grünwässerchen gehen. Grünwässerchen war einer der vielen Seen, die sich um das Märchendorf, in dem das Märchen-Mädchen lebte, befanden. Genau genommen war das Grünwässerchen der See, der am nächsten des Märchendorfes lag. Deshalb wurde er im Sommer gerne von allen Bewohnern zum Schwimmen genutzt. Doch er hatte eine seltsame Eigenschaft. Je wärmer es wurde, desto grüner wurde er. Für dieses Jahr hatte sich das Märchen-Mädchen vorgenommen, endlich herauszufinden, warum das so war.

Da es erst seit ein paar Wochen wärmer war, machte das Grünwässerchen seinem Namen noch nicht viel Ehre. Nur der Hauch eines Grüns färbte sein Wasser. Doch das blieb nicht lange so. Es wurde wärmer, mehr Märchendorf-Bewohner gingen schwimmen und das Wasser wurde grüner und grüner. Wie jedes Jahr aufs Neue. Das Märchen-Mädchen fand das ungemein faszinierend, wie sich der Kreislauf wiederholte. Das Grünwässerchen hatte zwei Zuläufe. Ein kleiner Bach führte von der Anhöhe, auf der hauptsächlich Landwirtschaft betrieben wurde, zum Grünwässerchen hinunter. Der andere Zulauf war der kleine Bach, der das Märchendorf durchfloss. Die erste Idee des Märchen-Mädchens war, dass mit den beiden Zuflüssen die grüne Farbe eingetragen wurde. Deshalb betrachtete sie jeden Tag die Färbung der beiden. Aber nie konnte sie darin einen Grünton ausmachen. Die zweite Idee war, dass die Schwimmenden die Grünfärbung verursachten. Allerdings verwarf das Märchen-Mädchen diese Idee ganz schnell wieder, da Menschen nun mal nicht grün waren. Das Märchen-Mädchen schmunzelte, ihre Vorstellung verlieh ihrer Lehrerin vom Märchendorf eine grüne Hautfarbe. Das würde ein Gelächter in der Klasse geben. Aber Spaß beiseite. Ihr gingen die Ideen aus. Wo kam die grüne Farbe des Grünwässerchens her?

Einige Tage später, das Märchen-Mädchen war gerade in der Märchenschule, knickte einer ihrer Klassenkameraden beim Spielen um, so dass sein Knöchel dick wurde und er nicht mehr richtig gehen konnte. Da gerade der Gärtner mit einer Karre im Schlepptau den Schulgarten richtete, wurde er kurzerhand beauftragt, den unglückseligen Klassenkameraden zur schrulligen Alten des Nachbardorfs zu fahren, die sich bekanntlich gut mit Krankheiten und Kräutern auskannte. Als sie das hörte kam dem Märchen-Mädchen eine Idee. Zwar hatte ihr die Alte mit einer anderen Frage nicht helfen können, aber vielleicht konnte die Alte ihr erklären, warum das Grünwässerchen so grün war. Schließlich war grün die Farbe der Pflanzen und die Alte kannte sich mit allen Kräutern aus. Also bot das Märchen-Mädchen ganz selbstlos an, ihren verletzten Klassenkameraden zu begleiten, was gerne angenommen wurde.

Die Fahrt war kurz. Bei der Alten angekommen, behandelte sie den Klassenkameraden, in dem sie ihm einen braunen Brei auf den Knöchel schmierte und seinen Fuß dick einband. Ihre Anweisung war zwei Tage den Fuß zu schonen, danach sollte alles wieder bestens sein. Der Gärtner wollte sofort zu seiner Arbeit zurück und der Klassenkamerad, der sich unbehaglich in der mit allen möglichen Gläsern, Schüsseln und Kräuter ausgestatteten Wohnung der Alten umsah, wollte ebenfalls schnellstmöglich wieder in die Schule zurück. Da das Märchen-Mädchen noch keine Zeit gehabt hatte, ihre Frage zu stellen, fragte sie, ob sie noch kurz bleiben durfte. Das durfte sie. Denn schließlich war der Heimweg kein Problem. Sie war die Strecke zuvor schon allein gelaufen. Somit hatte sie endlich die Zeit, mit der Alten zu sprechen.

Dieses Mal konnte die Alte dem Märchen-Mädchen tatsächlich weiterhelfen. Sie kannte das Grünwässerchen und wusste sehr genau, woher seine Grünfärbung kam.
Die meisten Pflanzen hatten einen grünen Farbstoff in sich, Chlorophyll genannt. Das war auch bei den Pflanzen so, die innerhalb von Gewässern vorkamen. Zum Beispiel Algen. Diese färbten das Wasser grünlich – wenn sie genügend Licht hatten, um zu wachsen und wenn Nährstoffe vorhanden waren. Mit beiden Bedingungen – Licht und Nährstoffe – konnte das Grünwässerchen dienen. Je näher der Sommer kam, desto länger wurden die Tage und die Sonne stärker. Die Nährstoffe wurden mit den beiden Zuflüssen eingetragen. Das Märchen-Mädchen freute sich. Sie hatte nicht ganz falsch gelegen. Die Grünfärbung war indirekt über die Zuflüsse entstanden, in dem sie die Nährstoffe lieferten, die die Algen zum Wachsen brauchten und die dann wiederum die grüne Färbung verursachten. Das Märchen-Mädchen fand es faszinierend wie komplex die Zusammenhänge in ihrer Welt waren. Da brachte der Herr Bauer die Hinterlassenschaften seiner Tiere auf den Feldern aus, die oberhalb des Grünwässerchens lagen. Dann kam der Regen und spülte alles mit dem Zufluss in das Grünwässerchen, zusammen mit dem Dorfzufluss, der durch die Lebensweise der Märchendorf-Bewohner manchmal auch Nährstoffe aus Abfällen und Abwässern enthielt. Und dann färbte sich ein See grün. Wundervoll fand das Märchen-Mädchen und bedankte sich überschwänglich bei der Alten für die Erklärung und machte sich wieder auf dem Heimweg, um noch ein Bad im Grünwässerchen zu nehmen.