Ein Gruß aus der Vergangenheit
Ein Gruß aus der Vergangenheit kann vielerlei sein: Eine nette Erinnerung an vergangene Zeiten, eine Begegnung mit einem lange nicht mehr gesehenen Menschen oder ein ehemals geliebter Gegenstand, der beim Ausmisten eines Dachbodens wieder auftaucht. Das sind schöne Grüße aus der Vergangenheit. Doch es gibt auch andere: Dinge, die man nicht wieder sehen wollte. Dinge, von denen man gehofft hat, dass Sie hinter dem Schleier der Vergangenheit bleiben und der Vergessenheit anheimfallen. Um zwei solcher unschönen Grüße aus der Vergangenheit soll es nun gehen.

In der Nord- und Ostsee liegt ein Gruß aus der Zeit der zwei Weltkriege: Munition. Von Übungen, Kämpfen und Schiffswracks. Doch der größte Teil der Munition wurde gezielt nach dem zweiten Weltkrieg versenkt. Wir sprechen hier von 1,5 Millionen Tonnen Altlasten in der Nord- und Ostsee. Was sich die Menschen wohl dachten, die vor achtzig Jahren die Munition versenkten? Waren sie froh, dass der Krieg endlich vorbei war und wollten alles, was damit zusammenhing nur schnellstmöglich loswerden? War Ihnen überhaupt bewusst, was sie mit dem Entsorgen der Munition im Meer für die heutige Generation anrichten würden? War es Ihnen egal? Oder sahen sie einfach keinen anderen Ausweg?
Ihre Entscheidung hat uns jetzt ein sehr dringliches Problem beschert. Aus den Augen, aus dem Sinn hat nur für ein paar Jahrzehnte gegolten. Jetzt korrodieren die Tonnen an Munition, werden durchlässig und die Substanzen darin freigesetzt. Sprengstofftypische Verbindungen wie TNT und ADNT, Quecksilber und Blei.1 Alles toxische Stoffe, die nicht im Meer freigesetzt werden sollten, aber mittlerweile in vielen Meerwasser-Proben nachweisbar sind. Die niedrigsten Konzentrationen liegen im Nanogramm pro Liter Bereich. In Gegenden, in denen die Munition versenkt wurde, können die Konzentrationen auch mal bis zu Milligramm pro Liter steigen. Das sind Konzentrationen, in denen Meeresbewohner geschädigt werden können.2 Bereits nachgewiesen wurden Einschränkungen bei Fortpflanzung, Wachstum und Krebserkrankungen.3
Rückblickend war das Versenken im Meer keine dauerhafte Lösung, ganz im Gegenteil. Eine Lösung zu finden, wurde auf die nachfolgenden Generationen abgewälzt. In den nächsten Jahren werden hundert Millionen Euro benötigt, um die Munition zu bergen und sachgemäß zu vernichten.4,5

Eine ähnliche Entscheidung wie vor 80 Jahren – bergen oder belassen – muss in den nächsten Jahren im Elsass getroffen werden. Das ist der zweite Gruß der Vergangenheit. Noch ein Teil der Gegenwart, jedoch mit dem Potential – je nachdem welche Entscheidungen getroffen werden – auch zu einem unschönen Gruß aus der Vergangenheit zu werden.
Es geht um das ehemalige Bergwerk Stocamine. Es ist Teil einer Gruppe von Bergwerken, die im Elsass liegen und in denen im 20. Jahrhundert Kalisalze abgebaut wurden. Die Salze werden zum Beispiel für Dünger oder für medizinische und industrielle Anwendungen verwendet. Ab 1990 wird der Kalibergbau nach und nach stillgelegt. Man machte sich Sorgen wegen Arbeitsplätzen in der Region und die Betreibergesellschaft war stark verschuldet. Deshalb wurde nach einer Folgenutzung gesucht – und gefunden: Stocamine sollte zu einer Untertagedeponie für toxische chemische Abfälle werden. Nach einigem hin und her und viel Kritik geht im Februar 1999 die Anlage in Betrieb. Von Anfang an gibt es Klagen, dass Abfälle eingelagert werden, die nicht erlaubt sind, dass Eingangskontrollen nicht ordnungsgemäß durchgeführt werden und dass es an qualitätssichernden Maßnahmen fehlt. Im September 2002 kommt es dann zu einem Brand in der Untertagedeponie. Nach 10 Tagen ist das Feuer unter Kontrolle, mottet aber noch zwei weitere Monate vor sich hin. Damit ist das Ende der Deponie besiegelt. Die Deponie hat laufend im Minus gearbeitet, weil nicht genügend Abfälle eingelagert wurden, um wirtschaftlich zu sein. 2005 geht die Anlage vollständig in den Besitz des französischen Staates über.6 Dieser steht jetzt vor einer schwierigen Entscheidung. Bleiben die toxischen Abfälle wo sie sind, oder werden sie geborgen? Das Problem: Die Anlage ist nicht stabil. Irgendwann in Jahrzehnten oder Jahrhunderten wird sie geflutet werden. Dann besteht die Gefahr, dass die Schadstoffe in das Grundwasser gelangen. Vielleicht verbleiben sie nur lokal, vielleicht breiten sie sich aber auch großräumiger im Oberrheingraben – einer der wichtigsten Grundwasserspeicher Europas – aus. Wir sprechen hier von Schadstoffen wie Quecksilber, Chrom, Arsen oder Pflanzenschutzmittel, Verbrennungsrückstände und Asbest.7 All das könnte für viele Generationen ein dauerhaftes Problem darstellen. Denn in konzentriertem Zustand können die Abfälle besser entsorgt werden. Verdünnt in Wasser wird es schwierig.
Immerhin haben alle im Prozess involvierten Experten, französische wie auch deutsche und schweizerische Fachleute, die langfristige Flutung der UTD [Untertagedeponie] und die dadurch bedingten und zu erwartenden Auswirkungen auf die Grundwässer im Nahfeld der Anlage klar bejaht.
– Marcos Buser
Was tut man jetzt? Vereinfacht gesagt, gibt es zwei Lager: entweder man betoniert den ganzen Abfall ein, im Wissen, dass die Schadstoffe darin Jahrzehnte oder Jahrhunderte später das Grundwasser verschmutzen können, oder man gibt sehr viel Geld aus und riskiert die Gesundheit der Menschen, die die Abfälle in den nächsten Jahren bergen müssen. Zwischen den beiden Lagern gibt es differenziertere Meinungen, je nachdem was angenommen wird: Wann wird die Anlage instabil? Wenn es passiert, wie weit breiten sich die Schadstoffe im Grundwasser aus? Holt man nur einen Teil der gefährlichsten Abfälle zurück? Was ist die günstigere Variante? Bei den Fragen gibt es unterschiedliche Berechnungen oder Schätzungen. Im Moment sieht es so aus als würde sich der französische Staat für die Einbetonieren-Variante entscheiden.8 Doch es gibt Widerstand. Auch von deutscher Seite aus.9,10 Weil Stocamine durch die Anbindung an den Oberrhein-Grundwasserleiter ein grenzüberschreitendes Thema ist.
Die beiden Beispiele zeigen, dass die nachfolgenden Generationen unbedingt bei Entscheidungen berücksichtigt werden sollten. Das Problem in die Zukunft zu verlagern ist keine Lösung. Denn die Gegenwart von heute ist die Vergangenheit von morgen. Und unschöne Grüße aus der Vergangenheit sollten nachfolgenden Generationen erspart bleiben.

- Trends und Daten zur Verbreitung von Munitionsresten in der Meeresumwelt, Abschlussbericht, Umweltbundesamt, 2024 ↩︎
- Factsheet #3 | Environmental risks of sea-dumped munitions: What we know so far, UNOC Factsheet, 2025 ↩︎
- Trends und Daten zur Verbreitung von Munitionsresten in der Meeresumwelt, Abschlussbericht, Umweltbundesamt, 2024 ↩︎
- https://www.geomar.de/entdecken/munition-im-meer ↩︎
- https://www.tagesschau.de/wissen/forschung/bergung-kriegsmunition-100.html ↩︎
- Buser, Marcos (2017): Short‐term und Long‐term Governance als Spannungsfeld bei der Entsorgung
chemo‐toxischer Abfälle. Vergleichende Fallstudie zu Entsorgungsprojekten in der Schweiz und
Frankreich: DMS St‐Ursanne und das Bergwerk Felsenau (beide Schweiz) und Stocamine (Frankreich).
Karlsruhe: ITAS‐ENTRIA‐Arbeitsbericht 2017‐02. ↩︎ - Foreseeable Flooding Scenario of the Alsace Potash Mine and the StocaMine Underground Final Waste Storage Site (France): A Case Study. https://link.springer.com/article/10.1007/s10230-025-01049-w ↩︎
- SWR Beitrag: Gericht: Giftmüll muss in Stocamine bleiben. 22.6.2025, 16:41 Uhr (Seite nicht mehr verfügbar) ↩︎
- https://www.bund-rso.de/stocamine ↩︎
- https://www.lgrb-bw.de/aktuelles/regierungspraesidium-gibt-stellungnahme-zur-elsaessischen-sonderabfalldeponie-stocamine ↩︎
