Wasser

Ein Zoo im Trinkwasser

Zu Beginn sei gesagt: Trinkwasser ist nicht steril. Das ist wichtig zu verstehen, weil es bedeutet, dass Trinkwasser damit immer ein Lebensraum ist. Dieser kann von harmlosen Umweltbakterien besiedelt werden, die entweder schon im Wasser vorhanden sind, oder die in den Leitungen in den Häusern wachsen und sich vermehren. Solange keine Krankheitserreger dabei sind, ist alles gut. Doch es können nicht nur winzige Bakterien vorkommen, sondern auch Lebewesen, die mit bloßem Auge erkennbar sind. Beispielsweise kleine Krebstiere, Würmer oder Insektenlarven.

Anekdote 1 – Würmchen

Wenn eine Wasserleitung von der Straße in ein Haus mündet, bauen Hausbesitzer oft einen Filter bei sich ein, um Partikel aus dem Wasser herauszufiltern. In manchen Fällen ist das sogar Pflicht. Die Filter müssen ab und zu gereinigt werden. Einem Mann ist beim Reinigen seines Filters aufgefallen, dass sich darin lauter kleine Würmchen befanden. Sofort ging die Suche los: Es wurden die Wasserkammern untersucht, in denen das Trinkwasser vom Wasserversorger aufbewahrt wird, bevor es zu den Häusern geliefert wird. Es wurden eine Menge Untersuchungen in den Wasserleitungen, die die Städte und Dörfer unterirdisch durchziehen, durchgeführt. Vereinzelt wurden die Tierchen tatsächlich auch in den Wasserleitungen gefunden. Das ging über ein halbes Jahr lang so, bis irgendwann keine Würmer mehr auftauchten. 
Damit ist die Anekdote zu Ende. Die Ursache für das plötzliche Auftreten der Tierchen wurde nie gefunden. Und falls sich jetzt jemand fragt, wie der Wasserversorger dieses Wasser überhaupt noch an die Menschen verteilen konnte: Jede einzelne Probe hielt die gesetzlichen Vorgaben ein. Selbst Bakterien konnten nicht in Konzentrationen nachgewiesen werden, die bedenklich gewesen wären.

Anekdote 2 – Nacktschnecken

Wasserversorger speichern das Trinkwasser in sogenannten Hochbehältern. Diese verfügen in der Regel über zwei Kammern, oft in rechteckiger Form, in denen große Mengen an Wasser gespeichert werden. Dieses Wasser fließt dann, wenn es benötigt wird über die Wasserleitungen in die Häuser. Die Hochbehälter sind damit wichtig für eine funktionierende Wasserversorgung. Deshalb werden sie regelmäßig von den Wasserversorgern kontrolliert. Zum Beispiel werden Begehungen und vorbeugende Reinigungen durchgeführt. Jetzt stell dir mal vor, wie es dem Mitarbeiter einer Wasserversorgung ergangen sein musste, als er einen Hochbehälter betrat und überall Schleimspuren entdeckte. Als er genauer hinschaute, sah er in der Wasserkammer, die eigentlich mit Trinkwasser befüllt war, auf dem Boden sogar Überreste von Nacktschnecken. Ganz schlecht. Als einzige Maßnahme bleibt da nur, das Wasser schnellstmöglich in in die Kanalisation abzulassen und die Kammer gründlichst zu reinigen und zu desinfizieren. Bei der gefundenen Nacktschnecke handelte es sich um den „Wasserschnegel“ (Deroceras laeve), welcher tagelang unter Wasser überleben kann. Wahrscheinlich kam er durch kleinste Risse in den Wänden hinein, denn die Jungtiere sind nur ca. 3 mm lang. Gerade bei älteren Wasserbehältern ist es nicht ungewöhnlich, dass die Bauwerke nicht mehr vollkommen dicht sind.

Anekdote 3 – Milben

Auch das nächste kleine Tierchen wird bei den Leuten, die es entdeckten, Unbehagen ausgelöst haben. In einer großen Wasserkammer schimmerte die Wasseroberfläche rötlich. Grund dafür waren rote Milben und damit keine speziellen Wassertierchen, sondern ganz normale Landbewohner, die durch eine Lüftung ins Innere des Hochbehälters gelangt waren. Von da aus fanden sie ihren Weg durch eine Undichtigkeit in der Wand und danach in die Wasserkammer. Als immer mehr Milben dem Hochbehälter einen Besuch abstatteten, färbte sich die Wasseroberfläche nach und nach rötlich. Auch hier wurde die Kammer geleert, gereinigt und besser abgedichtet. Danach hatte der Wasserversorger nie wieder ein Milben-Problem.

Damit wären wir am Ende der kurzen Anekdoten angelangt. Sie sollen einen kleinen Einblick geben, womit Wasserversorger in seltenen Fällen zu kämpfen haben: Milben, Nacktschnecken, Würmchen und noch viele weitere Tierchen. Es bedarf viel Arbeit, alle Wasserversorgungsanlagen immer in einem guten Zustand zu halten. Kontrollen, Reinigungen, Wartungen und Sanierungen müssen von den Wasserversorgern ausgeführt werden, damit es keine unliebsamen Überraschungen gibt.
Falls sich jetzt jemand fragt, ob die Anekdoten ausgedacht sind: Nein, sind sie nicht. Die genannten Beispiele sind wirklich so passiert. Sie wurden den Fallbeispielen der Wasser Information 91 des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfachs (DVGW) entnommen.